Auswertung zum Naziaufmarsch in Weimar am 07. Februar 2015

Das jährliche Nazievent von Michel Fischer ist mal wieder vorüber und alle freuen sich.

Das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus freut sich über die angeblich selbst herbeigeführte Verkürzung der Neonaziroute, klopft sich mal wieder auf die Schulter und ist entzückt über das ach so bunte und demokratische Weimar.
Die Nazis freuen sich, dass sie ein Ründchen durch die Innenstadt drehen durften und die Polizei zeigte sich stolz, dass ihre Taktik aufgegangen ist. Die Einzigen, die mal wieder enttäuscht sind, sind die Antifaschist_innen aus Weimar und den angereisten Städten.

Wir als [AKW] müssen dabei zurückblickend feststellen, dass es nicht gelungen ist, den Naziaufmarsch zu verhindern. Ein Hauptproblem in Weimar ist vor allem die geringe Größe der Route und die massiven technischen Möglichkeiten der Polizei, sowie Erfahrungen die diese in den letzten Jahren in Weimar sammeln konnte, weniger die Zahl der Polizist_innen. So wurde vom Hubschrauber, über Wasserwerfer, bis hin zum Räumpanzer einiges in das kleine Nest Weimar gekarrt und entlang der angemeldeten Route sämtliche Toreinfahrten und Seitenstraßen – teilweise auch zweifach – durch Gitter versperrt. Zusätzlich setzte die Polizei ein unerwartet hohes Aufgebot an Zivilpolizist_innen ein, Von Pseudoagent_innen in dunklen BMWs bis hin zu jugendlich wirkenden Umhängetaschen-Träger_innen gab es Zivilpolizei aller Couleur.
Es ist uns nicht gelungen, den antifaschistischen Protest zu bündeln und klare Strukturen aufzubauen, die von anderen Gruppen genutzt werden könnten. Auf der anderen Seite hat sich in den vorherigen Jahren gezeigt, dass diese Infrastruktur nicht oder nur wenig genutzt worden ist.
Wir werden unsere Fehler kritisch reflektieren und nehmen uns hierbei auch gerne Kritik von außen an. Detaillierte Verbesserungsvorschläge und sonstige Hinweise, die tiefere Einblicke in antifaschistische Strukturen aufweisen könnten, erbitten wir jedoch intern und verschlüsselt.
Anmerken müssen wir weiterhin, dass Weimar nicht über die Möglichkeiten verfügt, konstruktiv-organisierten Protest auf die Beine zu stellen, da das BgR ein enormes Mobilisierungspotenzial besitzt und selbst aktive Antifaschist_innen dem Aufruf des BgR folgen. Alternative Konzepte und Koordinierungspunkte sind daher durch mangelnde Resonanz nicht zu Stande gekommen.

Trotzdem möchten wir uns an dieser Stelle bei sämtlichen Antifaschist_innen, aus Weimar und vor allem von außerhalb fürs Kommen und kreatives Engagement bedanken!

Grundsätzlich finden wir es gut, das versucht wird neben dem radikal antifaschistischen auch ein bürgerliches Spektrum anzusprechen und einzubinden. Zu Standortmarketing-Rufen nach einem „bunten Deutschland/Weimar“ und sinnentleerten Parolen wie „Nazis-raus“ haben wir aus inhaltlichen Gründen jedoch keine Verbindung. Es muss endlich zur Kenntnis genommen werden, dass eine Horde Neonazis nicht einfach so aus dem Nichts kommt und anschließend wieder verschwindet. Sie sind leider ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft und häufig integrierter, als so manch ein „Bratwurst essen gegen rechts“-Demonstrierender wahrhaben möchte.
Auch kritisieren wir das nicht im geringsten vorhandene Sicherheitsverständnis des Weimarer Bürgerbündnisses, sowie die Nähe zur Polizei, in deren Interesse es selbstverständlich nicht liegt, einen Naziaufmarsch zu blockieren oder blockieren zu lassen.
Die um 7 Uhr am Hauptbahnhof errichtete Sitzblockade einer sogenannten Blockadegruppe des Bürgerbündnisses führte zu keinem Erfolg. Wenig verwunderlich, bedenkt man die derzeitig eisigen Wintertemperaturen und die Tatsache, dass die Nazis erst für 12 Uhr mobilisiert haben. Innerhalb der genannten Gruppe war es Konsens grundsätzlich keine Gitter zu überklettern und aufzustehen, wenn die Polizei dazu auffordert. Zwar gab es den Versuch die Blockade als Kundgebung anzumelden, dies wurde von der Versammlungsbehörde jedoch abgelehnt. Nach unserer Meinung war von vorneherein abzusehen, dass ein solches Konzept nicht aufgehen würde und an der Polizei scheitert.
Dass der Weimarer Polizeichef in diesem Zusammenhang „Repressionen androhte“, ist auch nicht sonderlich überraschend. Noch paradoxer ist jedoch dann, dass das BgR gerade mit diesem zumindest in den letzten Jahren zusammenarbeitet hat, statt die Polizei nicht nur als nicht möglichen Bündnispartner gegen Nazis, sondern als politischen Gegner zu betrachten.
Einzig und allein die spontan errichtete Blockade am Zeppelinplatz/Röhrstraße, welche ausschließlich von Antifaschist_innen herbeigeführt wurde, hatte eine Verkürzung der Naziroute und somit zumindest einen Teilerfolg zur Folge. An dieser Stelle, müssen wir uns allerdings die Frage stellen, ob es wirklich ein Teilerfolg war oder ob es von Anfang an die Polizeitaktik war, den Nazis nur die Hälfte der Route abzusichern. Denn ab dem Zeppelinplatz war die angemeldete Route der Nazis nicht mehr durch Gitter abgesperrt oder durch Polizeikräfte gesichert. Ob dies an zu geringer Personenkapazität seitens der Polizei lag, lässt sich nur vermuten.
Weitere Aktionen des BgR wie die Spenden an das Asylbewerber_innenheim und das Obdachlosenheim finden wir sinnvoll und begrüßen diese.

Wir halten jedoch an unserem langfristigen Ziel fest, Naziaufmärsche in Weimar komplett zu blockieren. Jeder Meter ist ein Meter zu viel!

Neben den üblichen Freund_innen Michel Fischers – übrigens Glückwunsch zur neuen Hose – gab es im Vergleich zu den Vorjahren auch einige neue Gesichter.
Insgesamt beteiligten sich nach unserer Zählung 115 Neonazis aus Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen am vierten „Trauermarsch“ in Weimar. Neben Fischer selbst haben fünf weitere Personen Redebeiträge auf der Demonstration gesprochen, so Uwe Dreisch (Landesvorsitz der Partei „Die Rechte“ aus Berlin), Alexander Kurth (Partei „Die Rechte“ aus Leipzig), eine Stadträtin der Partei „Die Rechte“ aus Bautzen, ein Vertreter der Jungen Nationaldemokraten und eine männliche Person, die als Teil des Gedenkbündnisses Weimar angekündigt wurde und mit Symbolen der rechtsradikalen Partei „Der III. Weg“ auftrat.
Aus Weimar oder dem Weimarer Land selbst sind nach unseren Erkenntnissen nur wenige Neonazis zur Demonstration erschienen. Der bekannte Nazi Thomas Holzinger musste diese ohne seinen ständigen Wegbegleiter Chris Seelig durchstehen, auch Kevin Armstroff und der nach Weimar gezogene Kevin Stärker sind nicht auf der Demonstration gewesen.
Als Gruppierungen erkennbar waren Nazis aus dem Nordharz, der Nationale Widerstand Zweibrücken – der auch bereits im Vorfeld Mobiaktionen gemacht hat –, Brigade Halle, das Umfeld der Jungen Nationaldemokraten Erfurt – die mit Weimarer Nazis zusammen zum Magdeburger Trauermarsch gefahren sind –, bekannte Neonazis aus Südthüringen wie Philipp Miene, Tommy Frenck oder Marcus Rußwurm, Nazis aus dem Vogtland und aus Weißenfels, sowie Nazis aus Berlin wie das Pärchen Gesine und Ronny Schrader oder die Personen um das „Reichshauptstadt Berlin“ Transparent, die auch letztes Jahr am Weimarer Trauermarsch teilgenommen haben. Vertreter_innen der NPD waren nicht zu erkennen.
Erste Fotos des Naziaufmarsches findet ihr auf linksunten.indymedia.
Michel Fischer hatte für den 07. Februar neben dem „Trauermarsch“ in Weimar ein abendliches Rechtsrockkonzert in der sogenannten Erlebnisscheune in Kirchheim angemeldet, auf dem sowohl thüringer, als auch überregionaler Neonazibands auftreten sollten und dass laut Blick nach Rechts auch deutlich besser besucht war, als der Aufmarsch in Weimar.
Genaueres unter Blick nach Rechts und Thüringen Rechtsaußen.

Abschließend möchten wir anmerken, dass Weimar ein Dorf ist in dem viele Menschen ein Antifa-Image vertreten und dieses auch oder nur nach außen zeigen, um dann schlussendlich trotz angebotener Möglichkeiten nicht an organisierten Formen des Protestes teilzunehmen.
Und genau deshalb benötigt Weimar dringend eine neue, grundlegende Antifastruktur, die konsequent interveniert, aufklärt und neue Leute gewinnt.
Wir freuen uns, dass sich in diesem Jahr mehr Jugendliche aus Weimar an den Gegenprotesten beteiligt haben. Wenn ihr und eure Freund_innen keinen Bock auf Nazis habt, setzt euch zusammen und organisiert euch.
Wir werden versuchen diese Entwicklung anzustoßen und unseren Beitrag hierbei zu leisten. Wir erhoffen uns hierfür Akzeptanz und Unterstützung, sowohl in Weimar, als auch von außerhalb. Antifaschistisches Leben muss über das regelmäßige Demonstrieren und Blockieren hinausgehen, so werden wir auch weiterhin versuchen, im Alltagsgeschehen anzuknüpfen und antifaschistische Freiräume zu erkämpfen.

Bildet euch, bildet andere, bildet Banden!

Für einen konsequenten Antifaschismus, in Weimar und überall!

Danke noch einmal an alle, die trotz der miserablen letzten Jahre nach Weimar gekommen sind.

Pressespiegel:

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