Archiv für Dezember 2015

Gegen den Naziaufmarsch im Februar 2016 in Weimar, den Täter_innen nicht gedenken!

Widersprüche und Ambivalenzen in der neonazistischen „Erinnerungskultur“

Beim kommenden Trauermarsch soll wieder der „Zerstörung“ der Stadt Weimar, durch die alliierten Bomberverbände gedacht werden. Das „Gedenkbündnis Weimar“ beschreibt Weimar -wie im Jahr zuvor- Weimar als „Stadt der Baukunst“, die Opfer des „Bomben Holocaust“ wurde. Wir ersparen uns in diesem Zusammenhang darauf einzugehen, dass die weltbekannte Weimarer Baukunst -also das Bauhaus- für die Nationalsozialist_innen als „entartete Kunst“ galt. Viel mehr wollen wir die Stadt im Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen rezipieren.
Bereits 1932 wurde auf Landesebene eine nationalsozialistische Regierung demokratisch gewählt und nach der Machtübertragung 1933 auf Reichsebene, wurde Thüringen nicht ohne Grund als „Trutzgau“ bezeichnet, denn die Gleichschaltung ließ sich hier besonders schnell vollziehen. „Trutzgau“ eine Bezeichnung auf die die regionale Naziszene auch 2015 Bezug nimmt, indem sie beispielsweise Veranstaltungen, wie „Rock im Trutzgau“ abhält . Doch analysiert mensch die Rolle von Weimar im NS genauer, kann festgestellt werden, dass sich führende Nationalsozialist_innen in Weimar äußerst wohl fühlten -darunter auch Adolf Hitler, der wiederholt Weimar besuchte. Die Stadt hatte mit Fritz Sauckel einen Gauleiter an ihrer Spitze, der später als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ Millionen von Menschen nach Deutschland verschleppte, um sie als Zwangsarbeiter_innen auszubeuten. Zwangsarbeit, etwas von dem die Nationalsozialist_innen auch in Weimar regen Gebrauch machten. So wurde im Jahr 1937 das Konzentrationslager Buchenwald eröffnet, in dem über 56.000 Menschen getötet wurden. Die inhaftierten Menschen wurden von der SS an Firmen in Weimar ausgeliehen, in denen sie Zwangsarbeit verrichten mussten. Von der weimarer Bevölkerung wurde die Existenz eines Lagers nicht infrage gestellt. Lediglich die NS-Kulturgemeinde kritisierte die erste Bezeichnung „KL Ettersberg“ mit der Begründung, dass der Ettersberg untrennbar mit dem Wirken Goethes verbunden sei. Es erfolgte die Umbennenung in „KL Buchenwald post Weimar“.
Mit der Eröffnung des Lagers bezog die „Dritte SS-Totenkopf Standarte“ ihre Kasernen in Buchenwald. Der Leitspruch der SS: „Meine Ehre heißt Treue“ findet sich zum Beispiel auch auf dem Bauch des ehemaligen Weimarer Neonazis Kevin Stärker als Tattoo wieder. Hier wird einmal mehr die Ambivalenz zwischen dem öffentlichen Relativieren der Schuld deutlich und dem gleichzeitigen radikalen Bejahen der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen.

Wenn am 06.02.2015 Michel Fischer seine Freund_innen zum „Trauermarsch“ nach Weimar einlädt, dann wird es dabei um viel mehr gehen, als die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen. Bei der neonazistischen „Gedenkkultur“ geht es vordergründig nicht nur um das von „Besorgten Bürger_innen“ und manchen konservativen Politiker_innen propagierte „Schlussstrichziehen“ unter die Geschichte, sondern um die Beendigung des „Schuldkultes“. Zentrale Bedeutung erhält die Frage nach einer klaren Vorstellung der Gesellschaftsstruktur. Die Antworten finden sie in ihrem Wunschdenken, die 30er- und 40er- Jahre wieder aufleben zu lassen: Eine ganz klar abgegrenzte Volksgemeinschaft, die sich durch Nation, „Rasse“, Militarismus, Führerkult usw. definiert und deren Ziel Vertreibung und Vernichtung der „Volksschädlinge“ ist, um und das Alleinstellungsmerkmal des eigenen Volkes zu sichern. Hierbei spielen vor allem szenespezifische Codes eine enorme Rolle. Es geht darum (auch auf öffentlichen Veranstaltungen) so nah wie möglich an relativierende oder leugnende Elemente in Bezug auf die NS- Verbrechen heranzukommen. Sie sehen sich selbst dazu berufen, die quasi ihnen gottgegebene Aufgabe, die „Volksgeschichte“ nicht durch „Medien, Historiker und sonstige Gutmenschen“ verunstalten zu lassen. Das „Heldengedenken“ nimmt dabei einen festen kultischen Platz des neonazistischen „Erinnerns“ ein. Gemeinsam sehen sie sich als derjenige und diejenige, die den „ehrbaren deutschen Soldaten“ heute noch eine Stimme verleihen können. Untrennbar damit verbunden ist die Frage, in welchen gesellschaftlichen Kontextualiserungen, außerhalb der rechtsradikalen Szene, sich ähnliche Denkmuster erkennen lassen. An diesem Punkt setzt der Aspekt des zeitlichen Abstandes ein: Ein historischer „Schlussstrich“ soll gezogen werden, „Irgendwann ist die Aufarbeitung abgeschlossen“ oder „Ich bin nach ’45 geboren“ sind nur einige der skurrilen „Diskursansätze“ zur „NS-Vergangenheitsbewältigung“. Relativierende und leugnende Elemente gehen damit einher. Neonazis wissen, wie sie diese Sprache zu deuten haben, nämlich als gesellschaftspolitischen Erfolg, dass ihre eigenen Thematiken Anklang anstatt Entrüstungen erfahren. Während sie im Generellen eher als „geflügelte Sprache“ wahrgenommen werden. Soweit zur neonazistischen „Gedenkkultur“ im Allgemeinen.

Der Naziaufmarsch und Gegenprotest

Der Trauermarsch in Weimar ist ein fester Termin im Kalender einiger -hauptsächlich- Thüringer Neonazis. Er nimmt damit die Funktion eines identitätsstiftenden Moments ein. Hier können neue Kontakte geknüpft werden und der Stadt Weimar öffentlich ins Gedächtnis gerufen werden, dass auch die Nazis ein integrierter Teil der deutschen Gesellschaft sind. Quantitativ kommt der Trauermarsch dabei bei weitem nicht an die bislang größten Trauermärsche in Deutschland, also Dresden und Magdeburg, heran. Allerdings ist er vergleichbar mit den Trauermärschen in Cottbus und Dessau, welche sich im letzten Jahr in einem ähnlichen Größenfeld bewegt haben. Es gilt als ein regelmäßiges Event, in dem die historischen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus gepflegt werden können.
Organisiert wird der Trauermarsch in Weimar von den Überresten der Aktionsgruppe Weimar /Weimarer Land. An erster Stelle ist hier der Tannrodaer Michel Fischer zu erwähnen, der Jahr für Jahr der Hauptinitiator der Demonstration ist. Des Weiteren eingebunden in die Organisationstruktur ist mutmaßlich wieder
Thomas Holzinger, dessen besondere Stärke das Tragen von Fronttranspis ist, wie er letztes Jahr eindrucksvoll bewies. Hier lassen sich auch weitere Verschränkungen zwischen den verschiedenen Naziakteur_innen feststellen, denn neben Holzinger wurde das Transparent von Denny Schwarz aus Erfurt, Alexander Kurth von „Die Rechte“ Leipzig und Julian Treuse, einem Mitglied der Kameradschaft „Kollektiv 56″ getragen. Neben Treuse haben sich auch andere Mitglieder dieser Kameradschaft am letzten Trauermarsch beteiligt, so zum Beispiel Michael Zeise, welcher unter anderem einen Redebeitrag hielt, Philipp Miene, der bereits mehrmals an der Demonstration teilgenommen hat und Ronny Damerow, welcher zusammen mit K56den Volkstrauertag in Friedrichroda besuchte.
Aufgrund dieser personellen Verschränkungen verwundert es nicht, dass am 30. November 2015 Erfurter und Weimarer Nazis durch die Innenstadt zogen und „Weimar bleibt braun!“ und „Hier regiert der RWE!“ gerufen haben. (Wir berichteten)
Neben den Hauptakteuren_innen nehmen auch die Freundeskreise der Weimarer Nazis regelmäßig am Trauermarsch teil. So beteiligte sich zum Beispiel Marcel Ritter, ein guter Freund Holzingers am letzten Trauermarsch. Nachdem Kevin Armstroff bei Thügida auch in Weimar wieder öffentlich in Erscheinung trat, ist die Teilnahme am diesjährigen Trauermarsch nicht auszuschließen. Verzichten müssen wir in diesem Jahr wahrscheinlich auf Christopher Seelig, er macht derzeit Urlaub in der JVA.

Kommen wir im letzten Punkt nun zu den Gegenporotesten des in Weimar hauptsächlich bürgerlich geprägten Spektrums.
Auch in diesem Jahr wird das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus wieder das breite Bündnis „Weimar gegen rechts!“ initiieren, um so „friedlichen, kreativen und lauten Protest“ zu artikulieren. Erwartungsgemäß dürfte sich dazu wieder eine große Zahl an Bürger_innen mobilisieren lassen. Möchte mensch den Naziaufmarsch ernsthaft blockieren wollen, sollte er jedoch lieber eigene dezentrale Konzepte entwickeln. Erwartungsgemäß tritt das BgR zwar offiziell an, um den Naziaufmarsch zu blockieren, die letzten Jahre haben aber gezeigt, dass da nur wenig dahinter stand. So wurde die Blockade letztes Jahr freiwillig geräumt und im Jahr zu vor versagte die Fingertaktik, auch weil sich der zweite Finger einfach dem ersten Anschloss, ganz zu schweigen von den freundlichen Handshakes zwischen Polizeichef Ralf Kirsten und führenden Akteur_innen des BgRs.
Wir sehen ein, dass das BgR zwar eine hohe Anzahl an Menschen mobilisiert, welche zum Teil auch zugänglich für grundlegendere Kritik an der deutschen Gesellschaft sind. Gegen Transparente, wie „Platzverweis für Extremisten […]“ oder auch den Namen „Weimar gegen Rechts“ verwehren wir uns aber in jeglicher Form. Ein buntes Deutschland ist nicht existent, wird es nie sein und liegt nicht in unserem Interesse. Wir wollen kein buntes Deutschland, wir wollen gar keins!(fucksuegida) Auch steht Weimar nicht wie ein einheitliches Kollektiv „gegen Rechts“, sondern protestiert aus diversen Gründen gegen den Naziaufmarsch, sei aus Standortmarketing Gründen oder aufgrund des herbeiimaginierens eines bunten Deutschlands, bei dem „Die Welt zu Gast bei Freunden“ ist, wie zum Beispiel in Heidenau gesehen oder aus dem Grund, das Menschenfeindlichkeit in Gänze hinterfragt und kritisiert wird, die Nazis sind hier jedoch nur der Exponent der bestehenden Gesellschaft.
Wer sich also dem Naziaufmarsch konsequent entgegenstellen möchte, sollte sich seine Mitstreiter_innen lieber außerhalb des BgR suchen, denn diese Versuche sind bisher immer gescheitert. Vernetzt euch untereinander, überlegt euch vorher Möglichkeiten, sich den Nazis in den Weg zu stellen und rennt nicht der trägen Masse am Baudertplatz hinterher. In der kommenden Zeit werden weitere Informationen unsererseits erfolgen.

Also Avanti Antifa! Am 06. Februar 2016 nach Weimar!
Gegen Deutschland und seine Nazis!

Nazisponti in Weimar!

Am Freitagabend, den 27.11. kam es in Weimars Innenstadt zu unschönen Szenen, denn neben dem Weihnachtsmarkt mit Eisbahn, Glühwein und Thüringer Bratwurst zeigte sich erneut der ein oder andere stadtbekannte Nazi. Zwar mag das nichts Neues sein, immerhin sind die Glühweinbuden neben der Eisbahn und in derSchillerstraße ein beliebtes Ziel der Szene und dort anscheinend auch als Gäste gern gesehen, doch diesmal reichte es dem Kreis um Thomas Holzinger nicht aus. Mensch traf sich (wahrscheinlich) bereits gegen 19.00 vor dem Rewe-Getränkemarkt um sich gemeinsam zu betrinken und den Abend zu verbringen. Als das Maß anscheinend fürs Erste erreicht war, positioniert man sich gegenüber dem stadtbekannten Imbiss „Munzur-Kebap-Haus“ und begann die ersten Parolen rumzugröhlen. So schallte es bis zum Goetheplatz „Frei, Sozial und National“, „Weimar bleibt braun“ und irgendwas mit „Antifa…Straßenkampf“. Den Sprüchen entsprechend gaben sich die rund 25 Nazis auch und bepöbelten und beleidigten Passant_innen, die nicht ihrem Bild vom guten (besoffenen) Deutschen
entsprachen oder Ihnen keine Beachtung schenkten. Anscheinend verbrachten sie zwischen Theater- und Goetheplatz auch die nächsten 2-3 Stunden.
Um kurz vor 10 setzte sich der besoffene Mob, der mittlerweile ca. 30 Nazis beinhaltete, in Bewegung. Dabei war auffällig, dass nicht nur regional bekannte Nazis mit von der Partie waren, sondern auch Hooligans aus der Erfurter Szene. Durch diese Fusion erweiterte sich auch das Sprücherepertoir. Und nun wurde nicht mehr alleinig gegen Antifaschist_innen und Ausländer_innen gehetzt sondern auch gegen den FCC und dessen Anhängerschaft.

Mittlerweile war auch die Aktionsbereitschaft gestiegen, diese Aggresivität fand vor der Post seinen Höhepunkt, als Passant_innen mittleren Alters körperlich angegangen wurden. Schlimmeres konnte ein Streifenwagen verhindern, der den Mob erst zu diesem Zeitpunkt begleitete. Die Polizist_innen sahen anscheinend keinen Grund bereits vorher einzugreifen oder die Täter festzuhalten. Sie ließen sie ungestört weiterlaufen.Der Mob verzog sich danach in Richtung Bahnhof und der ein oder andere Nazi trank infolgedessen ungestört ein weiteres Abendbier im Eurocafè.

Es ist höchst beunruhigend aber auch absehbar, dass Nazis nach Jahren der fehlenden Präsenz, immer mehr ins Weimarer Stadtbild zurückkehren und dass nicht nur als Besucher_in einschlägiger Bars, Teilnehmer_in auf dem Zwiebelmarkt oder Glühweintrinker_in auf dem Weihnachtsmarkt. Gerade nach dem letzten Wochenende, an dem sich kein Widerstand organisieren konnte, ist eine Intervention in diesem Zusammenhang notwendig.

Den antifaschistischen Selbstschutz vorantreiben!

Ps. Wer weitere Hinweise über die Geschehnisse, Abläufe oder beteiligte Personen vom Wochenende hat, kann sich gern über das Kontaktformular an uns wenden.