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Zur Kritik am bürgerlichen Naziprotest

Auf der Kundgebung des BgRs verteilten wir am 06. Februar Flyer, mit folgendem Inhalt: Warum der Protest gegen Nazis die Aufforderung an eine andere Gesellschaft impliziert. Es ist wieder einmal Februar in Weimar. Der mehrfach verurteilte Neonazi Michel Fischer führt wieder seine KameradInnen durch Weimar. Erneut kommen Hunderte zusammen, um gegen den „Trauermarsch“ zu demonstrieren. Soweit so gut – bis zum nächsten Februar. Die Proteste des Bündnisses „Weimar gegen Rechts“ sind darauf ausgelegt den Nazis punktuell den öffentlichen Raum zu nehmen. Dies gelingt auch an diesem Tag sehr gut.
Eine Bestimmung der Ursachen, warum es denn überhaupt Nazis im „bunten Deutschland“ gibt findet jedoch nicht statt. Raum für Kritik.
Dieses Flugblatt ist orientiert am Redebeitrag der Antifa Suhl/Zella-Mehlis zum 1. Mai 2015 in Saalfeld.
Sich allein mit Nazis praktisch auseinanderzusetzen führt zu den Ritualen, wie wir sie Tag für Tag erleben: Rechte Gruppierungen melden eine Versammlung an, eine linke Gruppe eine Gegenveranstaltung, auf der sich dann alles tummelt vom Stadtrat bis zu Autonomen. Es wird am Gitter gerüttelt und vielleicht noch ein paar Parolen gerufen. Eine inhaltliche Verortung, warum mensch gegen Nazis demonstriert, außer aus historischem Bewusstsein, fehlt.
Neonazis bilden in der BRD -also einem bürgerlich kapitalistischen Staat- den Exponent der Menschenfeindlichkeit, mit der Bejahung der nationalsozialistischen Barbarei in ganz Europa. Ihre Ideologie ist geprägt von Rassismus und äußert sich in Ausgrenzungsmechanismen gegenüber all denen, die nicht in die vermeintliche Volksgemeinschaft passen. Die geläuterte deutsche Nachkriegsgesellschaft, bedient in ihrem Staat jedoch genau so menschenfeindliche Ausgrenzungsmechanismen, wie es sich die Nazis im aktuellen Ausmaß nur wünschen könnten. Rassismus ist instituionell in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verankert. So wird beispielsweise Anhand der Hautfarbe festgelegt, wer „Deutscher“ ist und wer „Geflüchteter“. Auch der Staat, mit den bürgerlichen Parteien setzt eine rassistische Praxis durch, in der Geflüchtete nach ihrer Nützlichkeit (-wie alle anderen auch) für die BRD bewertet werden. Hierbei werden auch aus bürgerlichen Kreisen Deutschland als Wirtschaftsstandort und Geflüchtete als potentielle Arbeitskräfte, also als verwertbare Objekte betrachtet. Menschen, die als unnütz gelten, werden so schnell wieder abgeschoben. Aufgrund dieses Nützlichkeitsgedanken befürchten die Neonazis, dass was sie (und alle anderen auch) bereits sind, nämlich überflüssig zu werden, dass sie im Hauen und Stechen, um eine gesicherte Existenz zu kurz kommen. Für die AntisemitInnen und RassistInnen um Fischer ergibt sich die falsche Konsequenz und zwar die Vernichtung all derer, welche augenscheinlich für ihre eigene Überflüssigkeit in der Welt verantwortlich sind, anstatt das System Kapitalismus als ganzes zu hinterfragen, wird sich auf einige wenige vermeintlich schuldige Akteur*innen beschränkt.
Aus der Erkenntnis, dass die herrschenden Verhältnisse in aller gänze Überwunden werden müssen, kann praktischer Antifaschismus erfolgen.
Praktischer Antifaschismus muss jene Verhältnisse verstehen und als erstes da angesetzt werden wo Standortschutz und die Verteidigung jener Verhältnisse propagiert werden, z.B. in dem Motto „Weimar für alle! Alle für Weimar!“. Besonders da muss Antifaschismus wirken, wo das falsche Bewusstsein der Nazis und Bürger zu Tage tritt. Das gilt bei der Verhinderung der menschenverachtenden Propaganda der Nazis, wie auch bei den Versuchen des Staates Menschen in das Elend abzuschieben aus dem sie geflohen sind.
Die Ablehnung der herrschende Verhältnisse schließt die Ablehnung Deutschlands und allem was dazu gehört mit ein, denn auch in einem „bunten Deutschland“ werden immer Menschen ausgegrenzt, in das Elend abgeschoben und/oder als „Sozialschmarotzer*innen diffamiert und das nur weil sie nicht als verwertbar erscheinen.

Wir fordern deswegen das individuelle Glück für jede*n!
Für die befreite Gesellschaft!

Es bleibt dabei. Den deutschen Täter*innen keine Träne!

Antifa Koordination Weimar im Februar 2016

Zum 06.02. alles wie gehabt?

Versuch einer Auswertung

Das jährliche Demoevent in Weimar ist wieder vorbei. Das BgR freut sich, dass „Geschichte nicht verdreht wurde“, die Nazis darüber, dass sie „ehrenhaft gedenken“ konnten und die Polizei darüber, dass „beide Lager voneinader getrennt werden konnten“. Frustriert waren mal wieder lediglich die antifaschistischen Kleingruppen aus Weimar und anderen Städten.
Geneigte Leser*innen werden jetzt aufhorchen und feststellen, dass sie ähnliches schon bei der letzten Auswertung gelesen haben. Allen denen das nicht bekannt vorkommt, empfehlen wir diese noch einmal zu lesen, da wir lediglich diese Kritik fokussieren wollen.

… zu den Nazis.
Insgesamt nahmen in diesem Jahr um die 127 Neonazis am „Trauermarsch“ teil. Die Nazis konnten also ihre Teilnehmerzahl erneut leicht steigern. Alle Teilnehmenden sind hier zu finden. Informationen sind erwünscht.
Zuallerst ist festzuhalten, dass auch hier alles beim Alten blieb. Die Nazis liefen eine Straße rauf und wieder runter, lediglich der Ort hat sich geändert. Im Gegensatz zu den letzten Jahren probierten die Nazis dieses Mal richtig zu trauern, zeigten bedröppelte Gesichter, hatten Kerzen dabei und sogar einen Kranz, der sicherlich noch irgendwo abgeladen wird. Leider hatte der Michel-Fischer-Freundeskreis mit einigen zusätzlichen Angereisten nach der Hälfte der Strecke keine Lust mehr zu trauern (ist ja auch irgendwie langweilig) und stimmten dementsprechend ihre üblichen Parolen an. So wurde erneut der „Nationale Sozialismus“ gefordert. (Sie schienen wohl Lust auf eine erneute Bombardierung zu haben). Am Berkaer Bahnhof, an dem die Nazis abreisten, brachen ein paar von ihnen aus um Gegendemonstrat*innen anzugreifen. Die Polizei ging mit Pfefferspray dazwischen. Informationen zu den beteiligten Nazis sind willkommen. Auf der gesamten Demo hat sich dabei Thomas Holzinger hervorgetan, indem er sich vermummte und mit im schwarzen Blocks lief. Neben ihm wollte sich auch sein Freund Leon Kliffe vermummen, schaffte es aber nicht sein Tuch bis über die Nase zu ziehen. Ihr gemeinsamer Freund Danny Rehberg konnte bisher nicht identifiziert werden. Vielleicht war ihm Holzinger dann doch zu dumm, so sagte er einmal sinngemäß, dass [Holzinger] „[ein] dummer Hohlkopf [sei] der sich auf Demos prügeln möchte.“ Aus Weimar nahmen unter anderem Robin Meyer, Josi Runde, Andy Pruefer, Benny Findeisen, Michael Engling und Adrian Grafe teil.

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„Hohlkopf“ Holzi mit Leon Kliffe</p>
<p>Neben den Weimarer Nazis nahm der „Die Rechte“ Freundeskreis von Michel Fischer teil, so waren die meisten ostdeutschen Landesverbände vertreten. Unter anderem <a href=Alexander Kurth, Gesine Schrader und Sarah Schumann. Außerdem nahmen die Thügida-Organisatoren David Köckert und Axel Schlimper teil. Daneben nahm der Erfurter Julian Treuse teil, der zusammen mit drei anderen jüngeren Nazis ein ekelhaftes antisemitisches Transparent mitführte. Noch ekelhafter allerdings ist, dass die Polizei es nicht, wie bereits am 3. Oktober 2015 in Jena, beschlagnahmte und es Konsequenzen für die Nazis gab. In diesem Fall wurde der Hass auf die jüdischen Menschen sehr drastisch dargestellt und trotzdem schien sich niemand genötigt dagegen irgendetwas zu unternehmen. Auch hier gilt: Gebt den Nazis ein Gesicht!
v.l. Julian Treuse,94,119,118

Linksunten Personenregister
Weitere Teilnehmende entnehmt ihr bitte der Linksunten Kommentarspalte.

… zu den Protesten.
Die Proteste waren wieder einmal durchweg bürgerlich geprägt. Lediglich im Vorfeld organisiserten einige engagierte Antifas mehrere Mobiaktionen, zum Beispiel eine Graffiti-Aktion , ein Mobivideo mit zweifelhafter Musik, aber schönen Bildern und eine Plakataktion entlang der Route. Hier das passende Bild dazu:

„The Walking FETT“

Der Tag selbst war für die angereiste Antifas leider wieder ernüchternd, schlugen doch alle Möglichkeiten durch Polizeiketten aus mangelnder Initiative, zu wenig nachrückenden Menschen oder Pfeffersprayeinsatz fehl. Wir haben auf den Kundgebungen des BgRs eigene Flyer verteilt, um unsere Kritik an den dort stattfindenen Protestritualen auszudrücken. Wir laden den Flyer aber noch einmal gesondert hoch, wollen wir doch unsere lesendes Publikum nicht unnötig strapazieren und werden unsere Gedanken dazu später veröffentlichen.
Neben den Potestritualen des Bürgerbündnisses kritisieren wir vor allem einige von Weimars jüngeren Menschen, also augescheinlich Schüler*innen, Auszubildende und Studierende. Diese Menschen machten nämlich den Protest gegen Nazis zu einer sinnentleerten Party, indem sie mit Musikbox auf die Demo marschierten oder sich wie Raver kleideten. Des weiteren wirkte der Protest wie ein Who is Who der Weimarer Jugendszene. Manche Menschen liefen über die Demo und freuten sich nur darüber, dass Nazis doof und sie selbst da und dagegen sind, also folglich die Guten. Eine inhaltliche Auseinadersetzung fehlte hier vollkommen. Vielmehr schien der Protest zur sich Selbstbeweihräucherung, da mensch ja für die gute Sache ist, zu verkommen.
Einziges Mittel dagegen kann nur ein aufklärerischer Gedanke sein.

… und sonst so?
Bedanken wir uns bei allen Menschen, Gruppen und Journalisten, die nach Weimar gekommen sind, uns unterstützt haben oder anderweitig in Aktion getreten sind. Wir erhoffen uns von euch allen fundierte, sachliche Kritik und probieren im nächsten Jahr gemeinsam Fischers Spektakel effizienter zu stören.

Bis dahin leisten wir weiter antifaschistische Arbeit in Weimar, dokumentieren antifaschistische Aktionen oder kritisieren, das was wir in und um Weimar für kritikwürdig halten.

PS: Danke an Sören Kohlhuber für die Bilder :)

Antifa Koordination im Februar 2016.

Gegen den Naziaufmarsch im Februar 2016 in Weimar, den Täter_innen nicht gedenken!

Widersprüche und Ambivalenzen in der neonazistischen „Erinnerungskultur“

Beim kommenden Trauermarsch soll wieder der „Zerstörung“ der Stadt Weimar, durch die alliierten Bomberverbände gedacht werden. Das „Gedenkbündnis Weimar“ beschreibt Weimar -wie im Jahr zuvor- Weimar als „Stadt der Baukunst“, die Opfer des „Bomben Holocaust“ wurde. Wir ersparen uns in diesem Zusammenhang darauf einzugehen, dass die weltbekannte Weimarer Baukunst -also das Bauhaus- für die Nationalsozialist_innen als „entartete Kunst“ galt. Viel mehr wollen wir die Stadt im Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen rezipieren.
Bereits 1932 wurde auf Landesebene eine nationalsozialistische Regierung demokratisch gewählt und nach der Machtübertragung 1933 auf Reichsebene, wurde Thüringen nicht ohne Grund als „Trutzgau“ bezeichnet, denn die Gleichschaltung ließ sich hier besonders schnell vollziehen. „Trutzgau“ eine Bezeichnung auf die die regionale Naziszene auch 2015 Bezug nimmt, indem sie beispielsweise Veranstaltungen, wie „Rock im Trutzgau“ abhält . Doch analysiert mensch die Rolle von Weimar im NS genauer, kann festgestellt werden, dass sich führende Nationalsozialist_innen in Weimar äußerst wohl fühlten -darunter auch Adolf Hitler, der wiederholt Weimar besuchte. Die Stadt hatte mit Fritz Sauckel einen Gauleiter an ihrer Spitze, der später als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ Millionen von Menschen nach Deutschland verschleppte, um sie als Zwangsarbeiter_innen auszubeuten. Zwangsarbeit, etwas von dem die Nationalsozialist_innen auch in Weimar regen Gebrauch machten. So wurde im Jahr 1937 das Konzentrationslager Buchenwald eröffnet, in dem über 56.000 Menschen getötet wurden. Die inhaftierten Menschen wurden von der SS an Firmen in Weimar ausgeliehen, in denen sie Zwangsarbeit verrichten mussten. Von der weimarer Bevölkerung wurde die Existenz eines Lagers nicht infrage gestellt. Lediglich die NS-Kulturgemeinde kritisierte die erste Bezeichnung „KL Ettersberg“ mit der Begründung, dass der Ettersberg untrennbar mit dem Wirken Goethes verbunden sei. Es erfolgte die Umbennenung in „KL Buchenwald post Weimar“.
Mit der Eröffnung des Lagers bezog die „Dritte SS-Totenkopf Standarte“ ihre Kasernen in Buchenwald. Der Leitspruch der SS: „Meine Ehre heißt Treue“ findet sich zum Beispiel auch auf dem Bauch des ehemaligen Weimarer Neonazis Kevin Stärker als Tattoo wieder. Hier wird einmal mehr die Ambivalenz zwischen dem öffentlichen Relativieren der Schuld deutlich und dem gleichzeitigen radikalen Bejahen der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen.

Wenn am 06.02.2015 Michel Fischer seine Freund_innen zum „Trauermarsch“ nach Weimar einlädt, dann wird es dabei um viel mehr gehen, als die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen. Bei der neonazistischen „Gedenkkultur“ geht es vordergründig nicht nur um das von „Besorgten Bürger_innen“ und manchen konservativen Politiker_innen propagierte „Schlussstrichziehen“ unter die Geschichte, sondern um die Beendigung des „Schuldkultes“. Zentrale Bedeutung erhält die Frage nach einer klaren Vorstellung der Gesellschaftsstruktur. Die Antworten finden sie in ihrem Wunschdenken, die 30er- und 40er- Jahre wieder aufleben zu lassen: Eine ganz klar abgegrenzte Volksgemeinschaft, die sich durch Nation, „Rasse“, Militarismus, Führerkult usw. definiert und deren Ziel Vertreibung und Vernichtung der „Volksschädlinge“ ist, um und das Alleinstellungsmerkmal des eigenen Volkes zu sichern. Hierbei spielen vor allem szenespezifische Codes eine enorme Rolle. Es geht darum (auch auf öffentlichen Veranstaltungen) so nah wie möglich an relativierende oder leugnende Elemente in Bezug auf die NS- Verbrechen heranzukommen. Sie sehen sich selbst dazu berufen, die quasi ihnen gottgegebene Aufgabe, die „Volksgeschichte“ nicht durch „Medien, Historiker und sonstige Gutmenschen“ verunstalten zu lassen. Das „Heldengedenken“ nimmt dabei einen festen kultischen Platz des neonazistischen „Erinnerns“ ein. Gemeinsam sehen sie sich als derjenige und diejenige, die den „ehrbaren deutschen Soldaten“ heute noch eine Stimme verleihen können. Untrennbar damit verbunden ist die Frage, in welchen gesellschaftlichen Kontextualiserungen, außerhalb der rechtsradikalen Szene, sich ähnliche Denkmuster erkennen lassen. An diesem Punkt setzt der Aspekt des zeitlichen Abstandes ein: Ein historischer „Schlussstrich“ soll gezogen werden, „Irgendwann ist die Aufarbeitung abgeschlossen“ oder „Ich bin nach ’45 geboren“ sind nur einige der skurrilen „Diskursansätze“ zur „NS-Vergangenheitsbewältigung“. Relativierende und leugnende Elemente gehen damit einher. Neonazis wissen, wie sie diese Sprache zu deuten haben, nämlich als gesellschaftspolitischen Erfolg, dass ihre eigenen Thematiken Anklang anstatt Entrüstungen erfahren. Während sie im Generellen eher als „geflügelte Sprache“ wahrgenommen werden. Soweit zur neonazistischen „Gedenkkultur“ im Allgemeinen.

Der Naziaufmarsch und Gegenprotest

Der Trauermarsch in Weimar ist ein fester Termin im Kalender einiger -hauptsächlich- Thüringer Neonazis. Er nimmt damit die Funktion eines identitätsstiftenden Moments ein. Hier können neue Kontakte geknüpft werden und der Stadt Weimar öffentlich ins Gedächtnis gerufen werden, dass auch die Nazis ein integrierter Teil der deutschen Gesellschaft sind. Quantitativ kommt der Trauermarsch dabei bei weitem nicht an die bislang größten Trauermärsche in Deutschland, also Dresden und Magdeburg, heran. Allerdings ist er vergleichbar mit den Trauermärschen in Cottbus und Dessau, welche sich im letzten Jahr in einem ähnlichen Größenfeld bewegt haben. Es gilt als ein regelmäßiges Event, in dem die historischen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus gepflegt werden können.
Organisiert wird der Trauermarsch in Weimar von den Überresten der Aktionsgruppe Weimar /Weimarer Land. An erster Stelle ist hier der Tannrodaer Michel Fischer zu erwähnen, der Jahr für Jahr der Hauptinitiator der Demonstration ist. Des Weiteren eingebunden in die Organisationstruktur ist mutmaßlich wieder
Thomas Holzinger, dessen besondere Stärke das Tragen von Fronttranspis ist, wie er letztes Jahr eindrucksvoll bewies. Hier lassen sich auch weitere Verschränkungen zwischen den verschiedenen Naziakteur_innen feststellen, denn neben Holzinger wurde das Transparent von Denny Schwarz aus Erfurt, Alexander Kurth von „Die Rechte“ Leipzig und Julian Treuse, einem Mitglied der Kameradschaft „Kollektiv 56″ getragen. Neben Treuse haben sich auch andere Mitglieder dieser Kameradschaft am letzten Trauermarsch beteiligt, so zum Beispiel Michael Zeise, welcher unter anderem einen Redebeitrag hielt, Philipp Miene, der bereits mehrmals an der Demonstration teilgenommen hat und Ronny Damerow, welcher zusammen mit K56den Volkstrauertag in Friedrichroda besuchte.
Aufgrund dieser personellen Verschränkungen verwundert es nicht, dass am 30. November 2015 Erfurter und Weimarer Nazis durch die Innenstadt zogen und „Weimar bleibt braun!“ und „Hier regiert der RWE!“ gerufen haben. (Wir berichteten)
Neben den Hauptakteuren_innen nehmen auch die Freundeskreise der Weimarer Nazis regelmäßig am Trauermarsch teil. So beteiligte sich zum Beispiel Marcel Ritter, ein guter Freund Holzingers am letzten Trauermarsch. Nachdem Kevin Armstroff bei Thügida auch in Weimar wieder öffentlich in Erscheinung trat, ist die Teilnahme am diesjährigen Trauermarsch nicht auszuschließen. Verzichten müssen wir in diesem Jahr wahrscheinlich auf Christopher Seelig, er macht derzeit Urlaub in der JVA.

Kommen wir im letzten Punkt nun zu den Gegenporotesten des in Weimar hauptsächlich bürgerlich geprägten Spektrums.
Auch in diesem Jahr wird das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus wieder das breite Bündnis „Weimar gegen rechts!“ initiieren, um so „friedlichen, kreativen und lauten Protest“ zu artikulieren. Erwartungsgemäß dürfte sich dazu wieder eine große Zahl an Bürger_innen mobilisieren lassen. Möchte mensch den Naziaufmarsch ernsthaft blockieren wollen, sollte er jedoch lieber eigene dezentrale Konzepte entwickeln. Erwartungsgemäß tritt das BgR zwar offiziell an, um den Naziaufmarsch zu blockieren, die letzten Jahre haben aber gezeigt, dass da nur wenig dahinter stand. So wurde die Blockade letztes Jahr freiwillig geräumt und im Jahr zu vor versagte die Fingertaktik, auch weil sich der zweite Finger einfach dem ersten Anschloss, ganz zu schweigen von den freundlichen Handshakes zwischen Polizeichef Ralf Kirsten und führenden Akteur_innen des BgRs.
Wir sehen ein, dass das BgR zwar eine hohe Anzahl an Menschen mobilisiert, welche zum Teil auch zugänglich für grundlegendere Kritik an der deutschen Gesellschaft sind. Gegen Transparente, wie „Platzverweis für Extremisten […]“ oder auch den Namen „Weimar gegen Rechts“ verwehren wir uns aber in jeglicher Form. Ein buntes Deutschland ist nicht existent, wird es nie sein und liegt nicht in unserem Interesse. Wir wollen kein buntes Deutschland, wir wollen gar keins!(fucksuegida) Auch steht Weimar nicht wie ein einheitliches Kollektiv „gegen Rechts“, sondern protestiert aus diversen Gründen gegen den Naziaufmarsch, sei aus Standortmarketing Gründen oder aufgrund des herbeiimaginierens eines bunten Deutschlands, bei dem „Die Welt zu Gast bei Freunden“ ist, wie zum Beispiel in Heidenau gesehen oder aus dem Grund, das Menschenfeindlichkeit in Gänze hinterfragt und kritisiert wird, die Nazis sind hier jedoch nur der Exponent der bestehenden Gesellschaft.
Wer sich also dem Naziaufmarsch konsequent entgegenstellen möchte, sollte sich seine Mitstreiter_innen lieber außerhalb des BgR suchen, denn diese Versuche sind bisher immer gescheitert. Vernetzt euch untereinander, überlegt euch vorher Möglichkeiten, sich den Nazis in den Weg zu stellen und rennt nicht der trägen Masse am Baudertplatz hinterher. In der kommenden Zeit werden weitere Informationen unsererseits erfolgen.

Also Avanti Antifa! Am 06. Februar 2016 nach Weimar!
Gegen Deutschland und seine Nazis!

Nazisponti in Weimar!

Am Freitagabend, den 27.11. kam es in Weimars Innenstadt zu unschönen Szenen, denn neben dem Weihnachtsmarkt mit Eisbahn, Glühwein und Thüringer Bratwurst zeigte sich erneut der ein oder andere stadtbekannte Nazi. Zwar mag das nichts Neues sein, immerhin sind die Glühweinbuden neben der Eisbahn und in derSchillerstraße ein beliebtes Ziel der Szene und dort anscheinend auch als Gäste gern gesehen, doch diesmal reichte es dem Kreis um Thomas Holzinger nicht aus. Mensch traf sich (wahrscheinlich) bereits gegen 19.00 vor dem Rewe-Getränkemarkt um sich gemeinsam zu betrinken und den Abend zu verbringen. Als das Maß anscheinend fürs Erste erreicht war, positioniert man sich gegenüber dem stadtbekannten Imbiss „Munzur-Kebap-Haus“ und begann die ersten Parolen rumzugröhlen. So schallte es bis zum Goetheplatz „Frei, Sozial und National“, „Weimar bleibt braun“ und irgendwas mit „Antifa…Straßenkampf“. Den Sprüchen entsprechend gaben sich die rund 25 Nazis auch und bepöbelten und beleidigten Passant_innen, die nicht ihrem Bild vom guten (besoffenen) Deutschen
entsprachen oder Ihnen keine Beachtung schenkten. Anscheinend verbrachten sie zwischen Theater- und Goetheplatz auch die nächsten 2-3 Stunden.
Um kurz vor 10 setzte sich der besoffene Mob, der mittlerweile ca. 30 Nazis beinhaltete, in Bewegung. Dabei war auffällig, dass nicht nur regional bekannte Nazis mit von der Partie waren, sondern auch Hooligans aus der Erfurter Szene. Durch diese Fusion erweiterte sich auch das Sprücherepertoir. Und nun wurde nicht mehr alleinig gegen Antifaschist_innen und Ausländer_innen gehetzt sondern auch gegen den FCC und dessen Anhängerschaft.

Mittlerweile war auch die Aktionsbereitschaft gestiegen, diese Aggresivität fand vor der Post seinen Höhepunkt, als Passant_innen mittleren Alters körperlich angegangen wurden. Schlimmeres konnte ein Streifenwagen verhindern, der den Mob erst zu diesem Zeitpunkt begleitete. Die Polizist_innen sahen anscheinend keinen Grund bereits vorher einzugreifen oder die Täter festzuhalten. Sie ließen sie ungestört weiterlaufen.Der Mob verzog sich danach in Richtung Bahnhof und der ein oder andere Nazi trank infolgedessen ungestört ein weiteres Abendbier im Eurocafè.

Es ist höchst beunruhigend aber auch absehbar, dass Nazis nach Jahren der fehlenden Präsenz, immer mehr ins Weimarer Stadtbild zurückkehren und dass nicht nur als Besucher_in einschlägiger Bars, Teilnehmer_in auf dem Zwiebelmarkt oder Glühweintrinker_in auf dem Weihnachtsmarkt. Gerade nach dem letzten Wochenende, an dem sich kein Widerstand organisieren konnte, ist eine Intervention in diesem Zusammenhang notwendig.

Den antifaschistischen Selbstschutz vorantreiben!

Ps. Wer weitere Hinweise über die Geschehnisse, Abläufe oder beteiligte Personen vom Wochenende hat, kann sich gern über das Kontaktformular an uns wenden.

Zwischen antifaschistischer Theorie und Praxis in Thüringen

Ein ereignisreiches Wochenende für die Thüringer Antifaschist_innen geht zu Ende. Nicht nur in Weimar versammelten sich Antifaschist_innen um anlässlich des 25. Antifa/Antira Ratschlag zu diskutieren, sondern auch, um die Genoss_innen aus Gotha zu unterstützen. Dort demonstrierten kontinuirlich 20-50 Nazis gegen eine Geflüchtetenunterkunft. Antifas aus Weimar fuhren außerdem am 09. November, also dem Jahrestag der Reichsprogromnacht nach Apolda, um gegen den dort stattfindenden Aufmarsch der NPD-Weimar zu demonstrieren. Doch eins nach dem anderen.

25 Jahre Antirassistischer Ratschlag in Thüringen

Am 06. und 07. November 2015 fand der Antifa/Antira Ratschlag in Weimar statt. Wir haben uns als Gruppe aus diversen Gründen nicht direkt an der Vorbereitung beteiligt. Dementsprechend konnten oder wollten wir selbst keine inhaltlichen Akzente setzen.
Interessanterweise kam es im Zuge der Vorbereitung des Ratschlags zu einer Naziaktion der Gruppe Kollektiv 56 aus Erfurt, welche offenbar neuerdings auch Weimar als Aktionsfeld für sich auserkoren hat. So wurden in der Nacht vom 29 zum 30 im Stadtteil Weimar-West mehrere Dutzend Naziaufkleber verklebt und auch das Humboldt-Gymnasium Weimar, welches die Räumlichkeiten für den Ratschlag stellte, wurde mit Stickern beklebt, mit Naziparolen bemalt und 2 Bäume zerstört. Die Stickerpalette erschien, wie das Standardrepoirtoire eines Autonomen Nationalisten, so wurden Motive aus der Antifaszene aufgegriffen und umgedeutet. Diese Naziaktion ist Grund genug, um ein paar Sätze zu dieser relativ neuen Nazigruppierung, mit doch recht bekannten Gesichtern zu verlieren. Nazi-Toy

Das Kollektiv 56 ist im April 2014 gegründet worden und besteht hauptsächlich aus Autonomen Nationalisten. Als Gruppierung erkennbar nahm die Gruppe am 22. August 2015 an einer Nazidemonstration in Waren (Müritz) teil und stellte das Fronttransparent. Es ist das gleiche Transparent, wie auf der Demonstration von die Rechte am 31.10.2015 in Halberstadt.

Selbiges wurde auch für den zweiten Block am 31. Oktober 2015 in Halberstadt genutzt. Es ist davon auszugehen, dass mehrere Personen ihre neue politische Heimat in dieser Gruppierung gefunden haben, dazu zählen unter anderem Philipp Miene, der ehemals in der AG Weimarer Land aktiv war und die Erfurter Nazis Tobias Zitzmann, Sascha Wühr, Julian Treuse, der Kontakte zu Christopher Seelig unterhält und Dirk Liebau, welcher gute Kontakte zum Weimarer Neonazi Thomas Holzinger unterhält.
Naziaufmarsch 7.02.2014 Weimar
Links Thomas Holzinger, Kevin Armstroff, Julian Treuse, Christopher Seelig und hinten rechts Philipp Miene.

Ob dieser oder andere Weimarer Nazis auch Mitglied dieser Gruppierung sind, können wir nicht beurteilen. Hinweise dazu erbitten wir intern und verschlüsselt.
Ob das K56 jedoch öfters nach Weimar kommen wird wissen wir nicht, falls sie es doch tun sollten, sollte ihnen klar sein, dass wir alles dafür tun werden, damit ihnen das Lachen vergeht.

Kühe, Schweine, Glockenstadt!

Die Kreisstadt des Weimarer Landes, welche auch unter dem Namen Apolda bekannt ist, zählt bereits zu einem der sterbenden Orte Thüringens. Dieser triste Fleck Erde bietet einfach nichts, außer graue Fassaden und einem kulturellem Leben, indem Jugendliche nicht an den dort einheimischen Dorfnazis und/oder der Bauernkirmes vorbeikommen. Die einzige Möglichkeit die bleibt ist das wegziehen aus diesem Kaff. Na ja wie dem auch sei, Jan Morgenroth der Stadtratsabgeordnete der NPD in Weimar hat sich Apolda ausgesucht, um endlich mal wieder zu demonstrieren. Hierbei ist seine Idee am 9. November, also dem Tag der Reichsprogromnacht auf großen Zuspruch gestoßen. Es spricht für das gesellschaftliche Klima in Deutschland, dass am 77. Jahrestags dieses Progroms wieder Hetze gegen Menschen, welche als nicht zugehörig zur deutschen Volksgemeinschaft definiert wurden, großen Zuspruch erhalten. Es liegt an uns zukünftige Progrome zu verhindern.
Es beteiligten sich ungefähr 600-800 „Besorgte Bürger“ waren an der Demonstration. Das Teilnehmer_innen Spektrum reichte von Autonomen Nationalist_innen bis hin zu dem „verängstigten Rentnerpärchen“. Auch Weimarer Neonazis, wie Michel Fischer, Thomas Holzinger, Danny Rehberg und Leon Kliffe waren in Apolda und am Weimarer Bahnhof anzutreffen. Der Gegenprotest gestaltete sich noch bürgerlicher als der BgR in Weimar und ist als reines Standortmarketing, ohne inhaltliche Ausseinandersetzung mit dem Naziproblem in Apolda zu werten. So kam es auch vor, dass man nach einmaligen Bitten der Polizei die potenzielle Naziroute frei gab. Jedoch muss positiv erwähnt werden, dass sich viele Gegendemonstrant_innen aus anderen Städten beteiligten, um gegen die Nazis demonstrieren.

Zum gesellschaftlichen Klima in der Provinz.

Der Landrat des wunderschönen Weimarer Landes ist Hans Helmut Münchberg, welcher im Amtsblatt des Monates November bereits vor einigen Tagen zum „Handeln“ aufrief. Er fordert die Bürger_innen des Landkreises nämlich dazu auf, Geflüchtete zu unterstützen, damit diese sich im Landkreis besser zurecht finden. Das klingt ja erstmal nicht schlecht, allerdings hat er diesen Appell, im gleichen Text geschrieben, wie folgende Zitate „Kein Zuzug von Familienverbänden“, „Ausweisung Krimineller Ausländer und Strafverbüßung in deren Heimatländern“, „strenge Begrenzung der Zuwanderung“ und „der Rechtsfrieden wird nur gewahrt, wenn Deutsche nicht das Gefühl haben, Gast im eigenen Land zu sein.“ Hans Helmut Münchberg schafft es hier in vorbildlicher Weise die gleichen Rhetorischen Blumen, wie sie bei einem Jan Morgenroth oder ähnlichen Konsorten zu finden sind, zu bedienen. So schreibt zum Beispiel Ronny Zasowkin in einem Text, der auch auf der Seite der NPD Weimar zu finden ist, dass „Asylbewerber, kriminelle Ausländer […] ausnahmslos in ihre Heimat zurückzuschicken und mit einer lebenslangen Einreisesperre zu belegen [sind]. Das ist nur eins der harmloseren Beispiele eines NPD-Parteikaders. Münchbergs Paradoxon wird perfekt in dem er gleichzeitig zur Unterstützung von Flüchtlingen aufruft und im selben Moment die gleichen Forderungen stellt, wie sie auch in der rassistischen Facebookgruppe „Ja zur Humanität, Nein zum Bevölerungsaustausch“ geposted werden. Die meisten Zitate seines Textes stehen für sich und benötigen keine Kommentierung, sie solten unserem lesenden Publikum bereits bekannt sein. Lediglich auf einen Satz möchten wir nochmal genauer eingehen:“der Rechtsfrieden wird nur gewahrt, wenn Deutsche nicht das Gefühl haben, Gast im eigenen Land zu sein.“ Er benennt also die Ursache für die steigende fremdenfeindliche Gewalt in Deutschland, die „Ausländer_innen“, wegen denen sogenannte „Besorgte Bürger_innen“ oder Neonazis selbst zum Brandsatz greifen, um ihre Voksgemeinschaft zu verteidigen. Diese stellen jedoch nur ein Teil des Problems für ihn dar, da sie hier in ihrer „angestammten“ Heimat leben, dementsprechend erkennt er, dass zwar die deutschen Eingeborenen den sogenannten „Rechtsfrieden“ brechen, das Problem dafür bleiben aber die „Ausländer_innen“. Mit anderen Worten ausgedrückt, die „Ausländer_innen“ müssen verschwinden oder die Deutschen werden selbst dafür sorgen, dass ihre Heimat wieder „Ausländerfrei“ wird.
Für diesen Aufruf ist Herr Münchberg in rassischtischen Facebookgruppen, wie der oben genannten beklatscht wurden, die Gruppenmitglieder scheinen die Quintessenz des Textes auch sehr gut verstanden zu haben.
Dementsprechend stehen Morgenroth und Münchberg nicht gegeneinander, sondern bedingen einander. Morgenroth ist nicht der Rattenfänder, der den/die besorgte_n Bürger_in um den Finger wickelt, nein er nutzt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche vom Kapitalismus und dem Konstrukt Staat, mit dem oder der dazugehörigen Volks-(gemeinschaft) aus, um die ohnehin schon vorhanden rassistischen Einstellungen in der Gesellschaft zu aktionistischeren Taten anzuleiten. Wie diese aussehen haben wir im letzten Jahr gelernt. Heidenau oder Freital sind nur zwei herausragende Beispiele unter vielen.
Münchberg sieht ganz wie in den 1990er Jahren das Problem bei den Migrant_innen und um diese vor den Gewalttaten des Mobs zu schützen soll nicht der Mob in seine Schranken gewiesen werden, sondern die Geflüchteten und die Migrant_innen einfach gehen.
Unsere Solidarität gilt allen Menschen in Apolda, die sich noch nicht mit der Gesamtscheiße vor Ort abgefunden haben.

AKW im November 2015

Wer Münchbergs Aufruf selbst lesen möchte: